Die ver-zweifel-te Schöpfungsgeschichte
Created at 2023-06-03
Am Anfang ersann Gott Himmel und Erde. Was für eine verrückte Idee -- die sollte er vielleicht lieber erst im Kopf durchspielen. Würde sie gut sein? Gott stellte sich vor, wie sein Geist über dem Wasser schwebte, während die Erde wüst, leer und finster war.
Durch Gottes großen Kopf schossen hunderte mäßig gute Ideen, wie er sein Werk würdig machen könnte. Eine war das Licht: Drei Worte würden genügen, um es zu erschaffen, und er sähe endlich sein Werk in vollem Glanz.
Doch in seiner Vorstellung sah er noch immer nur das Wasser, und in den funkelnden Wellen spiegelte sich jetzt seine hochgezogene Augenbraue.
So wird das nichts, dachte sich Gott und machte das Licht gedanklich vorübergehend wieder aus, um noch einmal einen Schritt zurückzutreten, und er stellte sich vor, wie aus Abend und Morgen der erste Tag wurde.
Gott beschloss, dass er sich nicht voll und ganz auf die Idee des Wassers verlassen wollte, und ersann das Land -- wieder eine pragmatische Lösung, die sich mit ein paar Worten erledigen lassen würde. Doch womit sollte er sich zuerst befassen, Wasser oder Land? Die vielen Entscheidungen erschöpften Gott, sodass es Zeit für den zweiten Tag wurde.
Nach einer Ewigkeit beschloss er, sich dem Land zu widmen. Das war wirklich aufregend: Er stellte sich vor, Gräser und Kräuter darauf wachsen zu lassen. Vielleicht auch noch einige größere Exemplare, "Bäume". Gott war wirklich stolz, und um sich Arbeit zu ersparen, erfand er noch die Samen und die Fort-Pflanzung. Er fand, dass es gut war.
Doch eine der Stimmen in seinem Kopf war noch nicht zufrieden: der heilige Geist. Dieser fragte, was der unnötige grüne Schnickschnack solle. Gott wusste keine Antwort und beschloss, dass es Zeit für den dritten Tag wurde.
Wärend er grübelte, wie er die Existenz der Pflanzen rechtfertigen sollte, lenkte er sich damit ab, sich etwas Lichterschmuck am Himmel für Tag und Nacht auszudenken. Als er sie gedanklich testete, begann der vierte Tag.
Dann sprach er zum heiligen Geist: "Du wirst gleich sehen: Die Pflanzen sind dazu da, von den Tieren gefressen zu werden!", und er malte sich aus, wie er die Meere und Ländereien mit allerhand schwimmendem, kriechendem und fliegendem Getier ausfüllte.
Das Ganze stellte sich als komplizierter als gedacht heraus. Letztendlich brauchte Gott zwischendurch eine Pause (fünfter Tag!), ersann aber dafür eine Vielzahl an Arten, die auf unterschiedlichste Weise Pflanzen aßen, um den heiligen Geist zu überzeugen.
Als er sich gerade den sechsten Tag vorstellen wollte, erhob der heilige Geist Einspruch. Zwar hätten die Pflanzen jetzt einen Sinn, doch was war mit den Tieren? Gott seufzte.
Dann sagte er: "Ganz einfach: Ich werde noch die Menschen erschaffen, und zwar nach meinem eigenen Ebenbild. Solch gottgleiche Wesen wirst du doch nicht auch als unsinnig in Zweifel ziehen?" Darauf wusste der heilige Geist nichts mehr zu antworten. Zufrieden dachte Gott über die Menschen nach. Was sie wohl tun würden? Sicher hatten sie genauso viele gute Ideen wie er. Sie sollten sich die Erde untertan machen!
Erst war er glücklich, doch dann begann er wieder zu zweifeln. Würden die Menschen wirklich aktiv werden, ihre Ideen umsetzen und die Erde gestalten? Oder würden sie nur an allem zweifeln? Er hätte sie nach seinem Ebenbild geschaffen. Gott bekam Kopfschmerzen und verwarf Himmel und Erde, bevor er zum siebten Tag kam.