Der Untergang des Synsofismus
Created at 2022-01-12
Jerry, mein Kind, die Krise dauert jetzt schon mehr als elf Jahre an. Erinnerst du dich noch? Als du drei Jahre alt warst, dachten wir noch nicht einmal im Entferntesten an einen Bunker wie diesen. Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt. Du hattest so ein großes Vergnügen daran, in dem Bächlein zu baden. Du hast so gelacht! Ich frage mich, ob es noch fließt oder inzwischen ausgetrocknet ist. Vielleicht können wir ja eines Tages, wenn die Krise vorbei ist, dorthin zurückkehren. Du bist zwar inzwischen viel größer, meine Rose, aber ich bin mir sicher, dass es dir gefallen wird, das fließende Gewässer wieder zu sehen. Jetzt bleibt uns leider nichts als unsere Einbildung, um diese Erfahrung wiederzubeleben. Als wäre es ein Traum gewesen, aus dem ich unsanft geweckt wurde. Ein Traum, der mir von innen betrachtet schlüssig erschien und sehr schön, der aber im Nachhinein surreal und unrealistisch wirkt.
Eingebildet war ich auch schon damals, anders hätte es vermutlich auch nicht funktioniert. Weißt du, Jerry, ich hatte sehr wichtige Rollen inne, war für viele Menschen meiner Generation sogar das Gesicht des Synsofischen Systems, das über ein Jahrhundert lang den Menschen unübertroffenen Frieden und Wohlstand brachte. Wie man damals sagte, brauchte es drei Säulen, um den Staat zu tragen, und ich war ein wichtiger Vertreter der zweiten Säule.
Das System funktionierte und wir waren stolz darauf. Die Kinder lernten die Grundlagen unserer Staatskunst schon in der Schule. Auch du, Jerry, hättest gelernt, dass es drei Säulen braucht, um den Staat zu tragen, und auch die anderen zwölf Epigramme, die als die Grundlage dieses Systems galten. Sie waren eigenartig einfach, fast wie Plattitüden, und wir konnten die Weisheit der Gründungsmütter darin nur noch erahnen. Das war nicht schlimm, das System funktionierte einwandfrei: Es half uns, die Probleme des Tages zu lösen. Nur fürchte ich, dass den Menschen meiner Generation der Synsofismus so selbstverständlich geworden war, dass ihr Umgang mit seinen intellektuellen Grundlagen an spätrömische Dekadenz erinnert. So selbstverständlich, dass niemand sich darum scherte, die *Geschichten aus der idealen Parallelwelt Synsopia* zu erhalten, die einst unsere Gründungsmütter bei der Staatsgründung inspirierten.
Dann kam die Krise und das Synsofische System war zur Veränderung herausgefordert. Doch die Menschen waren dazu nicht imstande, und zwar auf unterschiedlichste Weise. Während die einen, so wie ich, die drei Säulen und die dreizehn Epigramme völlig unangetastet an Ort und Stelle lassen wollten, meinten andere, das System habe ausgedient. In Wirklichkeit verstand wohl niemand -- außer den Skeptischen Staatsphilosophen, die zu wenige zum Denken großer Gedanken waren, und denen mit ihren abgehobenen, hypothetischen Gedankenspielen eh niemand zutraute, praktische und aktuelle Probleme in den Griff zu bekommen -- in der Tiefe, was das System so lange am Laufen gehalten hatte.
Während die Menschheit also gelähmt der Krise zuschaute, vertrocknete unmerklich die dicke organische Schicht, die über die Jahrzehnte um die drei Säulen gewachsen war. Es dauerte nur wenige Jahre, bis der Schaden irreversibel war, und noch ein Jahr, bis die Schicht abfiel. Ganz auf sich allein gestellt ächzten die drei Säulen unter dem Gewicht einer Gesellschaft in Schieflage, bis sie der Schwerkraft nachgaben.
Woraus bestand die organische Schicht, die sich schützend um die Säulen gelegt hatte? Heute weiß das niemand mehr, auch nicht diejenigen, die an Orten leben, an denen die Beschäftigung mit dem Synsofismus erlaubt ist. So lange Zeit hatten die Menschen ihren Blick auf die Säulen verengt und den Überwuchs ignoriert. Die Beschäftigung mit diesem war vielen suspekt, weil der Blick dabei auf Verunreinigungen der Säulen geworfen wurde. Jetzt, da er zu Staub zerfallen ist, ist es zu spät, um sein Geheimnis zu verstehen.
Je länger ich aus der Distanz auf das Synsofische System, das ich selbst so sehr mitgeprägt habe, blicke, desto weniger verstehe ich es. Ich kenne es gar nicht mehr, nur noch die Worte, mit denen man es beschreibt und in denen ich einst ernsthaft und fließend sprechen konnte. Jerry, ich hoffe, dass du auch eines Tage einen solchen Traum haben wirst.